Sich neu entdecken – in Suomi

Nachdem ich mich hier in Finnland nun schon mehrfach neu erfunden habe (der fleißige, der Schnee-begeisterte, der besoffene und der exzessiv-besoffene Basti sollen nur einige Beispiele sein), gibt es nun von einem neuen Basti zu berichten. Ich will gleich eingangs anmerken, dass sich diese verschiedenen Eigenschaften oder Einstellungen nicht ablösen oder abwechseln, vielmehr ergänzen sie sich vielleicht.

Einige meiner Mitmenschen werden bezeugen können, dass ich nie ein Mensch war, der Zeit brauchte. Ich hatte immer zu tun: Arbeit, Studium, Freunde, Feiern, Wegsein, Licht an und ausschalten und vieles mehr – ich war nicht ruhigzustellen. Einmal war ich mit einigen Leuten in Andijk, Niederlande, für ein verlängertes Wochenende – am ersten Tag der freien Zeit wusste ich nichts mit mir anzufangen und bin wirklich neben mir gelaufen. Erst langsam kam ich dahinter, wie man das genießen könnte – doch dann waren die vier Tage auch schon vorbei.

Nun habe ich aber deutliche Fortschritte gemacht – es hat zwar eine knappe Woche gedauert, aber jetzt weiß ich, was man mit freier Zeit anstellt: man genießt sie einfach. Das geht hier wunderbar auf die beste Weise: Freunde, Kaffee, Sonne, Seen, Rad fahren, Tennisspielen, Grillen, Essen, Trinken, Schlafen, Klavier spielen und so weiter – alles ist so einfach unbeschwert – ganz grandioses Kino, was hier grad passiert. Es gibt keinen geregelten Tagesablauf – keine Arbeit, auf der man pünktlich erscheinen muss, keine Vorlesung, die einen zwingt, um neun Uhr morgens aus dem Bett zu müssen, keine Nachbarn, die beobachten und zeitlich messen, wann man die Fenster öffnet und das Bett verlässt – hier ist es eher so, dass die meisten Nachbarn selbst noch bis gegen 12 Uhr oder gar länger schlafen – weil sie mit einem erst gegen vier Uhr Morgens ein Bett gefunden haben, in das sie fallen konnten.

Tennis spielen - mit Fahrrädern als Netz

Tennis spielen - mit Fahrrädern als Netz

Gestern waren wir Tennis spielen – in Keltinmäkki. Allein um da hin zu kommen musste man über gefühlte sieben Berge fahren und durch einen komischen Stadtteil von Jyväskylä fahren – zum Glück wohn ich da nicht, sondern muss hier nur seltene Pakete abholen. Zwei Nachbarinnen berichteten, dass man dort auf einem Platz Tennis spielen könnte. Leider war der Platz belegt und das Netz abgebaut, doch weil wir schon mal da waren, wollten wir uns die Chance nicht nehmen lassen, Tennis zu spielen. Der sandige Fussballplatz neben an war frei, wenn auch staubig in der Hitze von 25°C und ein Netz gab es auch nicht – aber wir stellten unsere Fahrräder in einer Reihe auf und schon hatten wir ein Netz improvisiert. Noch eine Bank herangeholt und das Handtuch sowie die Wasserflasche drauf gepackt, schon war Wimbeldon nach Finnland verlegt worden. Auf dem Rückweg kühlten wir uns im nebengelegenen kleinen See ab – es war wunderbar kühl und gar nicht kalt.

erfrischende Abkühlung nach Tennisspielen im Staub

erfrischende Abkühlung nach Tennisspielen im Staub

Bei all der freien Zeit hier kann ich zwei Hobbies nachgehen, von denen ich nicht mal wusste, dass ich sie habe. Das eine davon ist LESEN! Natürlich les ich fiel im Internet – seien es (internationale) Zeitungen und Magazine oder auch Blogs von Freunden und Bekannten und interessanten Menschen. Aber ganz besonders gern les ich hier Bücher in Finnland. Die Stadtbibliothek hat zum Glück eine gute Auswahl: „Der kleine Prinz“, „Prof. Unrat“ und „Effi Briest“ (seit meiner Schulzeit eines meiner absoluten Favoriten – danke Frau Schramm) sind nur einige Bücher. Gerade heute habe ich mir „Erfundene Wahrheit – Deutsche Geschichten von 1945 – 1960“ (hrg. von M. Reich-Ranicki) besorgt. Ein Sammelwerk mit Erzählungen von Döblin, Bachmann, Seghers, Böll, Borchert, Walser und vielen anderen wunderbaren Autoren der deutschen Literatur. Es ist ein Fest, Bücher mit Kaffee und Süßigkeiten auf dem Balkon zu lesen, während die Sonne sanft durch die Bäume scheint. Oder wenn man am See liegt in der wundervollen Sonne. Oder wenn man auf einer Bank im Park sitzt, über dem Treiben der Stadt – ab von jeder Regelmäßigkeit und noch weiter weg von Alltag. HERRLICH!!!

Wer liegt nicht gern an einem der 188.000 Seen und genießt das Wetter und das Leben?

Wer liegt nicht gern an einem der 188.000 Seen und genießt das Wetter und das Leben?

Das zweite Hobby, was mich gerade in den letzten zwei Tagen wirklich gepackt hat, ist die Musik. Diesmal meine ich weniger das Klavier spielen als viel mehr das „Musik suchen und hören“. In Blogs, Magazinen im Internet oder auf den Feuilleton-Seiten der großen, internationalen Zeitungen kann man sich wunderbar Anregungen für neue Unterhaltung der Ohren besorgen. Auf Videoportalen findet man dann recht schnell die dazugehörige Musik und mit ein paar Klicks hat man auch das dazugehörige Album der Künstler gefunden und kann es sich auf das Mobilfon laden, damit man es unterwegs hören kann – oder wo auch immer. Um vielleicht nur einige Beispiele zu liefern, wo ich heute gute Musik gefunden habe: Feuilleton der NY Times, Guardian Music Reviews oder de:bug. Auch die Playlisten der Radios Fritz (Potsdam, Deutschland) und FM4 (Wien, Österreich) sind hilfreich.

Mein Ohrwürmer des Tages sind „Changing“ von The Airborne Toxic Event, Austra mit „Lose it“ und „Cadenza“ von Dutch Uncles.

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