Heute habe ich auf die Sonne gewartet – in Suomi

unschuldig schlummert die Stadt, bevor die Sonne sie weckt (Aufnahme: 4.34Uhr)

unschuldig schlummert die Stadt, bevor die Sonne sie weckt (Aufnahme: 4.34Uhr)

Ja, das habe ich heute im wahrsten Sinne des Wortes gemacht: ich habe auf die Sonne gewartet. Eigentlich habe ich das nur gemacht, damit ich nicht schlafen gehen muss – ich war nicht müde. Ich schlug dann ein paar Leuten vor, gegen drei Uhr morgens eine kleine Radtour um den See zu machen – die Luft müsse herrlich sein um diese Zeit. Doch ich erhielt nur Absagen: die einen wollten es verschieben, die anderen empfahlen mir doch lieber zu schlafen und dritte erklärten mich für verrückt – das war mir nicht nachvollziehbar. Zum Zeitvertreib telefonierte ich dann erst mit einem Freund aus Würzburg. Passender Weise war dann auch noch eine Freundin aus Dortmund wach und mit der telefonierte ich dann eben so lange und schon war es hier in Finnland drei Uhr morgens durch. Ich schickte mich, weil es draußen schon begann hell zu werden. Eine Jacke übergeworfen, aufs Rad geschwungen und los ging es. Im Rausch des Morgenwindes den Berg hinab zum See, wo ich den Sonnenaufgang beobachten wollte. Ich wusste zu erst nicht, auf welche Seite ich fahren sollte, doch dann war es ganz einfach: ich stellte mich auf die kleine Brücke am Campus, denn von ihr aus hatte man den besten Blick auf den kleinen Hügel am anderen Ende der Stadt, hinter dem die Sonne zu erahnen war.

ganz sanft kündigt ein Sonnenkranz die nahenden Aufgang an (4.48Uhr)

ganz sanft kündigt ein Sonnenkranz die nahenden Aufgang an (4.48Uhr)

Dann wartete ich – und ließ die verschlafene Stadt Jyväskylä auf mich wirken. Es war faszinierend, dass der quirlige Campus ganz ruhig da lag, das kleine Hotel direkt am See schlummerte mit seinen Gästen. Auch die Straßen auf beiden Seiten des Sees waren noch in Schlaf getaucht. Ein einzelner LKW rauschte über die Brücke – lautlos. Einziges Treiben war nur schon auf dem See zu vernehmen – Möven und Enten flogen durch die Luft, setzten sich lauthals ans Ufer und stiegen wieder in die Luft. Die Wasseroberfläche war von konzentrischen Kreis überflutet, weil hunderte Fische nach Mücken und anderem Getier auf dem Wasser schnappten – es war wie Ballett, nur die Tänzer sah man nicht, dafür aber ihre feinen sanften Tritte, die auf dem Wasser landeten.

und dann ist sie da - ganz plötzlich - die goldene Scheibe der Sonne (Aufnahme 4.58Uhr)

und dann ist sie da - ganz plötzlich - die goldene Scheibe der Sonne (Aufnahme 4.58Uhr)

Ich dachte immer, dass die Sonne so ganz allmählich aufgeht, dass sie dann mal hinter dem Horizont auftaucht, erst mit einem kleinem Leuchten, dann die ersten Strahlen, die dann immer mehr werden und irgendwann steht die Scheibe am Himmel – doch dem ist gar nicht so. Zu erst wartet man eine Weile und die Minuten kommen einen wie Stunden vor, dann erkennt man den ersten hellen Kranz um die Sonne. Der Himmel wird in ein saftiges rot-violett getaucht, welches sich im Wasser mit dem Blau zu einem ganz außergewöhnlichen Blau-Violett zusammenmischt. Auf der Wasseroberfläche sind die Farbübergänge fließend – marineblau, türkis, blau-violett, rot-violett und dazwischen grüne und graue Töne. Der menschliche Wortschaft reicht nicht aus, um all diese wunderprächtigen Farben zu beschreiben – selbst ein Bild und ein Foto können nicht das Abbilden, welch Meisterwerk aus Farbe die Natur und die Sonne auf die Oberfläche des Sees malen.

und dann strahlt und leuchtet sie - die Sonne (Aufnahme 5.14Uhr)

und dann strahlt und leuchtet sie - die Sonne (Aufnahme 5.14Uhr)

Nach und nach werden die Baumkronen in ein ganz seichtes Licht getaucht, die Dachkanten der hohen gebäude fangen an vom Sonnenlicht gekitzelt zu werden. Dann steigt die Sonne ganz plötzlich hinterm Horizont auf und ist da. Immer größer wird die goldene Scheibe – und immer weiter reichen ihre Strahlen auf den See, auf die Bäume, auf die Häuser, auf die Straßen, die Stadt und auf die Menschen, die dann langsam erwachen werden.

Ganz faszinierend fand ich auch die Geräusche: es waren keine Stimmen von Menschen, kein Geplabber, kein Gespräch, keine Diskussion, kein Streit und keine Geständnisse, keine Liebeserklärungen, keine Entschuldigungen, keine Telefonate und kein Gemurmel. Es war aber auch keine Stille. Sondern ich konnte die Natur hören: da war das laute Getöne der Möwen, das morgendliche Geschnatter der Enten, man hörte sogar den Flügelschlag der Enten, wenn sie tief über dem Wasser flogen. Dann hörte man noch das tausendfache Schnappen der Fische, die nach Mücken und Fliegen hungerten. Und man hörte, wie am Ufer das Wasser in seichten Wogen auf die Steine klatschte. Im Hintergrund war immer das Geräusch der Stadt zu hören: ein mächliches, ständiges, monotones Brummen, dessen Ursprung nicht auszumachen war.

Blumen, die die ersten Sonnenstrahlen kosten

Blumen, die die ersten Sonnenstrahlen kosten

ein Steg wird von der Sonne gekitzelt

ein Steg wird von der Sonne gekitzelt

als ob es zwei goldene Scheiben wären

als ob es zwei goldene Scheiben wären

Und zum Schluss – mal ganz ehrlich: wer solche schönen Erlebnisse haben kann, der brauch doch keinen Schlafrhythmus, oder???

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