Freie Zeit – igit!

Wer von euch will eigentlich mal „Zeit für sich“ haben? Einfach mal nichts tun, die Seele baumeln lassen, alle viere grade sein lassen, die Zeit genießen, das Leben, das nichts tun…? Bestimmt will das jeder? Nun, dann werdet neidisch: ich habe das gerade! Aufstehen, wenn es mir passt (und wenn die Sonne zu sehr scheint wird das Fenster dicht gemacht), Kaffee und Frühstück auf dem Balkon – meist so gegen elf oder zwölf Uhr, dann zum See oder in die Stadt, ein Buch lesen, etwas Essen, ein bisschen hier stöbern, dann dort, dann wieder hier, wieder einen Kaffee – oder ein Eis, das immer umräumen, das Fenster öffnen, das Fenster schließen, sich bei Leuten melden, die nicht wirklich Freunde sind aber warum mal nicht wieder in Erfahrung bringen, wie es denen geht – man soll ja sozial sein, richtig Lust hat man zu nichts, deswegen schaut man Filme anstatt etwas anderes zu tun. Ein tolles Leben, nicht oder?

NEIN!

Es ist trostlos und langweilig! Der Mensch braucht Aufgaben (ich rede hier nicht von Wäsche waschen zu einer bestimmten Zeit, um eine Tagesordnung zu bekomme) – sinnvolle Aufgaben: die einfachste Möglichkeit ist Arbeit. Die schwierigste: ein Hobby. Hat man Arbeit, geht man meist völlig darin auf – sei es aus Leidenschaft oder aus Unlust. Man macht die Arbeit zum Zentrum seines Tages und genießt das Wochenende. Aber eigentlich verbringt man das Wochenende damit, sich am Samstag noch über die letzte Woche zu ärgern und am Sonntag bereits Gedanken über den kommenden Montag, Dienstag und Mittwoch zu machen. Solange wie man keine Zeit hat, wünscht man sich vom Herzen weg, endlich mal Zeit zu haben.

Hat man dann aber diese Zeit, wünscht man sich die Arbeit wieder. Der Mensch ist ein Paradoxon: er will immer das, was er nicht hat oder nicht haben kann. Ein Beispiel: Kinder interessieren sich erst dann für einen schnöden Ball, wenn ihn jemand anderes hat. Liegt er einfach so da, ohne beachtet zu werden, ist er auch für ein Kind uninteressant. Bedeutung erhält er erst, wenn andere Menschen ihm Bedeutung zu schreiben und wir diese Bedeutung für wahr halten (wer mehr zu solch Einsicht erhalten möchte sollte mal Janne Tellers „Nichts“ lesen – ein wunderbares Buch). Kinder verhalten sich aber nicht so, weil sie jung und unerfahren sind – nein, sie verhalten sich so, weil es Instinkt ist – vielleicht sogar in der Sache der Natur des Menschen. Dieses Verhalten ist auch später bei Menschen zu beobachten: ein Mann oder eine Frau interessieren sich nur dann für andere Menschen, wenn es bereits andere vor ihnen getan haben. Nur selten entdeckt man Interesse unter Menschen, weil die Menschen wirklich an einander interessiert sind. Das funktioniert ebenso mit Sächlichkeiten oder Gegenständen. Ein Beispiel: Versteigerungen. Der Preis wird in die Höhe getrieben, weil zwei oder mehr Menschen Interesse an der Sache haben – und sie glauben, dass sie um so wertvoller sein muss, je mehr Menschen mitbieten oder um diese Sache kämpfen.

Um es zusammen zu fassen: mir fehlt eine Arbeit – vielleicht habe ich einfach kein Hobby. Es stimmt: ich kann nicht sagen, ich gehe gern Vögel beobachten, spiele Theater oder jogge (IGIT!!!). Dafür lese ich aber, schaue Filme, schreibe Erinnerungen auf, fahre Rad, skate, telefoniere oder was auch immer – all das sind aber Dinge, die ich erledigen kann, während ich auf dem Weg zu etwas bin oder eine Aufgabe erfülle. Bücher und Zeitungen kann ich in der Bahn oder dem Bus auf dem Weg zur Arbeit oder Uni erledigen, Essays und Schriften kann ich lesen, während ich an einer Seminararbeit schreibe, den Kaffee gibts to go und auch Telefonieren kann ich dank Handy von überall aus – auch während ich auf dem Weg zu einer Aufgabe bin.

Nun der Vorwurf der Gegenseite: mit diesem Verhalten widmest du dich nie etwas vollkommen sondern wertest es ab, während du anderen Dingen (Aufgaben) mehr Bedeutung zu wendest, da du dich auf dem Weg zu ihnen befindest. Mein Argument: warum darf man nicht mehrere Dinge gleichzeitig erledigen? Ich habe nicht vor, ewig zu leben, aber viel zu schaffen – warum darf ich dann nicht einige Dinge gleichzeitig tun? Weil einige dieser Dinge Menschen sind – gab ich mir selbst die Antwort.

Das besondere an diesen wenigen Menschen ist, dass es FREUNDE sind – und dafür lohnt es sich immer Zeit zu haben und sich die Zeit zu nehmen – und vor allem: alle anderen Aufgabe für Freunde warten zu lassen. Ein Kaffee mit Freunden auf dem Balkon in der Sonne, oder am See, oder in der Stadt, oder Frisbee spielen in der Nacht am See, oder einkaufen gehen, oder Sushi essen, oder ein Picknick haben, oder gemeinsam verreisen oder ein Film schauen oder einfach nur die Zeit zu verbringen – dieses Privileg der Zeit habe ich lange nicht zu schätzen gewusst. Jetzt ist es mir bewusst und um so wichtiger.

Gerade hier in Finnland wird mir klar, dass man Freunde nicht für immer vor der Haustür hat: sie ziehen um, wohnen woanders, vielleicht mehrere Tausend Kilometer entfernt – dann kann man nicht mehr einfach für einen Kaffee zur Nachbarwohnung gehen und kann quatschen – oder lachen oder was auch immer.

Von daher: freie Zeit – sei mir willkommen, denn ich werde sie so bald nicht mehr haben.

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