Tallinn – ein Traum an der Ostsee

Natürlich steht ein Besuch in Tallinn an, wenn man sich in Helsinki aufhält. Die Superferries (Schnell-Fähren) bringen einen binnen zwei Stunden von der finnischen in die estländische Hauptstadt. Wer es gemütlicher mag, kann die 80km Seeweg auch in dreieinhalb Stunden zurück legen – oder wahlweise mit einem Kanu noch länger. Wie es das Wetter eben zulässt. Basti und ich haben uns für die schnelle Variante entschieden. Am Sonntag haben wir um zehn Uhr morgens die erste Fähre hin und abends um neun Uhr die letzte Fähre zurück – also genug Zeit, um sich Tallinn fürs erste anzuschauen.

welche grandiose Geschichte hinter diesem Artefakt steckt, blieb mir leider noch verborgen

welche grandiose Geschichte hinter diesem Artefakt steckt, blieb mir leider noch verborgen

Die Hinfahrt verbrachten Basti und ich damit, den Kater der letzten Nacht auszukurieren. Das ging für mich am besten am Ende des Schiffes – dort konnte man sich auf Terrassen setzen, die Seeluft um den Kopf wedeln lassen und der Kater verschwand recht schnell. Mittags kamen wir in Tallinn an und ich wurde bereits am Hafen neidisch auf die Alkohol-Preis-Angebote. Vodka für 10 Euro, Martini ebenfalls, Veuve Cliquot für 36 Euro – ich war blaß vor Neid. Mit der ersten estländischen Luft in der Nase stiefelten wir schon durch das erste Highlight von Tallinn – einem kleinen Park, der vor Geschichte nur so strotzt. Wie sonst sollte man es sich erklären, dass dort Autoreifen, Hinkelsteine oder Holzdolche herumliegen. Wir vermuten, dass es etwas mit FIAT, Asterix und Dracula zu tun haben muss. Leider informierte ich mich vorher nicht ausreichend genug, um die Zusammenhänge der Geschichte Estlands zu erschließen, aber Basti stellte einige wichtige Szenen nach.

estländische Geschichte zum Anfassen

estländische Geschichte zum Anfassen

Im Jahr 2011 ist Tallinn (Estland) ja zusammen mit Turku (Finnland) europäische Kulturhauptstadt. Um so schöner war es, da zu sein. Auch ohne dieses komischen Titel wäre Tallinn für mich auf jeden Fall Kulturhauptstadt: sowohl von Aufbau, Struktur, Gebäude, Aussehen, Leute und Gefühl her. Nachdem durch den historischen Park, welcher dem Hafen vorgelagert ist, geschritten sind, kamen wir auf den historischen Markt von Tallinn. Dort wurden von russischen Verkaufsexperten Sonnenbrillen von Gacci, Taschen von Louisa Witton und Handtücher von Niko angeboten. Ich musste mich schwer zurückhalten, um nicht in einen Kaufrausch zu verfallen.

über die erste Treppe gelangt man auf die erste Ebene der Linnahall, zwischen den beiden nächsten Treppen befindet sich der Eingang zum Konzertsaal

über die erste Treppe gelangt man auf die erste Ebene der Linnahall, zwischen den beiden nächsten Treppen befindet sich der Eingang zum Konzertsaal

Wir bogen nach rechts zum nächsten historischen und architektonischen Highlight ab: Der Linnahall Tallinn. Als Konzert- und Veranstaltungshalle für mehr als 10.000 Besucher geplant, liegt die Halle heute brach und verkommt. Sie wurde anlässlich der Olympischen Spiele 1980 in Moskau erbaut. Moskau hatte keine Möglichkeit, die Segelwettkämpfe auszurichten und als kleine Schwester bot die estländische Hauptstadt Tallinn ihre Hilfe an. Mit ihrer Lage direkt an der Ostsee war sie perfekt. Nur die nötige Infrastruktur fehlte.

versperrter Eingang zum Konzertsaal der Linnahall

versperrter Eingang zum Konzertsaal der Linnahall

Es ist anzunehmen, dass die damalige Sowjetunion nicht geizte, um die Linnahall zu finanzieren. Allein von außen kann man sehen, wie protzig es geplant und ausgeführt wurde. Von Landseite gibt es einen riesigen Platz vor der Linnahall. Zwei breite Treppen führen parallel auf die erste Etage mit Platz und Laternenreihe der Halle. Über zwei weitere Treppen gelangt man auf die Ebene. Nun steht man auf dem Dach der Halle und hat einen wunderbaren Blick auf Tallinn und die Ostsee sowie den Hafen. Auf der anderen Seite führen Treppen hinunter zur Anlegestelle, die direkt mit der Linnahall verbunden ist. Hier legten bis vor einigen Jahren noch die Fährkatamarane an, heute nur noch vereinzelt Yachten oder kleine Schiffe. Es gibt direkt an der Anlegestelle einen Hubschrauberlandeplatz. Bis Ende der 1990er Jahre gab es nämlich eine Linienverbindung per Hubschrauber zwischen Tallinn und Helsinki. Aus finanziellen Gründen wurde diese jedoch wieder eingestellt. Zwischen dem Hubschrauberlandeplatz und dem restlichen Gebäude ist ein Schwimmbecken zu sehen, was früher scheinbar als Swimmingpool benutzt wurde. Auf anderen Bildern, die man im Internet findet, ist zu sehen, dass dort auch eine Springbrunnenanlage installiert sein muss. Ich zweifel schwer an, dass sie jetzt noch in Betrieb ist. Auch das Untergeschoss der Linnahall ist sehenswert – wenn auch aus anderen Gründen denn Prunk und Protz. Das Bild spricht wohl für sich.

Unterbau der Linnahall in Tallinn, Estland

Unterbau der Linnahall in Tallinn, Estland

Im Internet habe ich gelesen, dass es seit etwa vier Jahren Anstrengungen gibt, die Linnahall zu renovieren und widerzueröffnen. Eigentümer der Stadt ist eine GmbH der Stadt Tallinn. Der Rat der Stadt entschied sich 2009 für eine Renovierung, hatte jedoch nicht genügend Geld. Außerdem stand in dem gefundenen Zeitungsartikel, dass die US-Regierung 2,4 Mio. Euro zur Renovierung beisteuern sollte – jedoch wusste ich nicht warum. Bis jetzt ist aus dem Umbau nichts geworden und der monumentale Komplex an Baugeschichte rottet weiter vor sich hin. Wirklich schade.

Tallinner Kulturmeile in spe

Tallinner Kulturmeile in spe

Von der Linnahall aus begaben Basti und ich uns auf die werdende Kulturmeile Tallinns. Sie befindet sich gerade noch im Bau, aber wenn sie fertig ist, schein sie toll zu sein. Bereits jetzt halte ich sie für ein kulturelles Highlight – vor allem wegen der StreetArt und freien Kunst, die man auf ihre bereits jetzt – im Bauzustand – finden kann. Es gibt dort unglaubliche viele Wände, die besprüht sind – aber nicht hässlich. Im Gegenteil, alle kleinen Kunstwerke sehen aus wie in einer Galerie aufgehangen, ohne das es dafür ein Konzept gab. Wunderbar. An einem Gebäude, dass sich neben einer scheinbar still gelegten Zeche befand, entdeckten wir sogar einen Banksy – schwarz/weiß auf gelben Grund. Hoffentlich könnt ihr ihn auf dem Bild erkennen.

fast unscheinbar, und trotzdem endeckt: der Banksy in Tallinn

fast unscheinbar, und trotzdem endeckt: der Banksy in Tallinn

Grabplatten für Stücke vorm alten Theater in Tallinn

Grabplatten für Stücke vorm alten Theater in Tallinn

Von der Kulturmeile bogen wir ab in die Altstadt Tallinns. Sie ist zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt worden, weil die wunderschöne Altstadt so gut wie kaum eine andere erhalten ist. Wir schlenderten durch die kleinen Gassen und Straßen, über Pflaster und an alten Häusern aus dem Mittelalter vorbei und man fühlte sich um mehrere Jahrhunderte zurückversetzt. Uns kam zu gute, dass es Sonntag war, wundervolles Wetter und Sonnenschein – und nicht sehr viele Leute hier unterwegs waren. Vor einem alten Theater entdeckten wir etwas kurioses, von dem ich berichten will. Dort lagen auf dem Bürgersteig vorm Theater Grabplatten. Unter den Platten waren die Bücher für Theaterstücke. Auf den Platten war geschrieben, wie lange und oft ein Stück hier in diesem Theater aufgeführt wurde. Eine tolle Idee.

Vom ruhigen Teil der Altstadt bogen wir auf den belebten Rathausplatz ab. Dort ist das Touristenzentrum der Stadt mit Restaurants, Souvenirgeschäften und so weiter. Hier tummelten sich die meisten Leute, schossen Bilder von den alten Gebäuden oder saßen im freien vor den Cafés und ließen sich die Sonne auf Bier und Braten scheinen. Auch Basti und ich setzten uns später in die Masse, weil wir Hunger hatten.

Später gingen wir dann noch in die Oberstadt, die sich rund um die Reste der Burg erhalten hatte. Dort waren hauptsächlich Gebäude und (kleinere) Paläste, die heute von der Regierung genutzt werden. Auch einige Botschaften wie zum Beispiel der Niederlande oder Irland befinden sich hier. Geht man durch einen kleinen Torbogen, so gelangt man an eine Stelle auf dem Berg, von der man einen wunderbaren Blick über die Stadt hat. Ich lasse hier einfach mal ein paar Bilder sprechen, statt alles nur zu beschreiben:

Blick auf Tallinn

Blick auf TallinnPalast in der Oberstadt von Tallinn

Burg-Rest in Tallinn

Burg-Rest in Tallinn

Treppe zur Burg

Treppe zur Burg

kleine Gasse in der verträumten Altstadt von Tallinn

kleine Gasse in der verträumten Altstadt von Tallinn

Im neuen Teil der Stadt gingen Basti und ich dann noch Essen, bevor wir mit der Fähre zurück nach Helsinki gefahren sind. Der neuere Stadtteil von Tallinn-Mitte zeigt, dass die Stadt hipp und modern ist – genau wie ich es mag.

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