Es gibt eine schwule Szene in Finnland – und zwar in Helsinki

Eigentlich wollte ich es ja schon fast anzweifeln, dass es unter den rund fünf Millionen Finnen ein paar Schwule gibt – doch das Wochenende in Helsinki hat mich überzeugt, dass dem nicht so ist. Ok, freilich gibt es auch in der Pampa rund um Jyväskylä und dem Rest von Finnland Schwule – aber die sind da etwas… hm… eigenbrödlerisch. Nun bin ich sicherlich nich die Szene-Schwuppe aus dem Lehrbuch, aber ein paar Clubs, Bars und Cafes schaden keiner Stadt. Und wie schon mal an anderer Stelle beschrieben, zeugt es nicht von fnktionierender Integration, wenn es gar keine Szene gibt.

schwule Symbolik (by: flickr/-Marlith-

schwule Symbolik (by: flickr/-Marlith-

Läuft man durch die Innenstadt fallen Schwule nicht wirklich auf. Die, die man auf der Straße erkennt sind meist Touristen. Dafür, dass man die schwulen Finnen selten erkennt, habe ich zwei – na vielleicht auch drei – Theorien aufgestellt. Die erste: ich bin blind und erkenne sie nicht – das können wir getrost ausschließen, dafür brauche ich nicht mal Gründe zu liefern. Die zweite Theorie: trotz der recht liberalen Einstellung, die Finnland bis jetzt in den Fragen der Gleichstellung aller Menschen stellt, scheinen sie schüchtern und zurückhaltend zu sein. Auch das kann ich mir nicht wirklich vorstellen, weil Finnen an sich exzentrische Leute sind – ganz klar. Die dritte Theorie: da in den skandinavischen Ländern in allen Bereichen des Lebens Funktionalismus und Simplizisimus herrscht, wird dieses Gebot auch in diesem Fall angewendet.

Nun kann man von allen drei Theorien halten, was man will oder es treffen sogar alle drei zu, aber eins weiß ich: man sieht viele schöne Menschen in Helsinki und es wird nicht anders als in anderen (Groß-)Städten und Ländern sein: hier gibts Schwule, manche erkennt man (zB die Tunte im schwarzen Negligé mit gelben BH und Stoppelbart im Stockmann) und andere nicht (zB die zwei Honeys die unschuldig auf der grünen Parkbank saßen).

Wer ganz sicher Schwule und Lesben sehen will, braucht sich nur ins Lost&Found, ins dtm (don’t tell your mother), ins Hercules oder einer anderen Bar und Kneipe für Schwule begegeben. Auch Basti und ich hatten das am Samstagabend vor – nach dem leckeren Essen im russischen Restaurant Troikka. Wir wollten eigentlich gleich ins dtm, was eine der größten Clubs für Homos in der Stadt ist. Doch die wollten acht Euro Eintritt haben und das wollten wir noch nicht bezahlen. Also gingen wir gegenüber in eine Bar, eine Rockerkneipe, für ein Bierchen. Es war toll, gar nicht so anders, zwischen den haarigen Wesen zu sitzen, die ihre Bärte und Haare in einander verflechten und Perlen und Kugeln einflechten können. Nach zwei Bieren gingen wir eine Station weiter, um die Ecke lag das Lost&Found, was eine Mischung aus Bar und Club ist.

(by: flickr/see-ming lee)

(by: flickr/see-ming lee)

Bereits die Auslagen im Schaufenster machen Lust auf den Klub: es liegen alte Handys wie das Siemens S6 oder alte Uhren drin. Eintritt muss man keinen Zahlen, die Biere und Getränke haben humane Preise (sogar für Finnland). Im Erdgeschoss ist genügend Platz zum sitzen, es ist nicht zu dunkel, man erkennt also noch alle Gestalten. Wobei die Gestalten gar nicht mal übel sind – im Gegenteil: es sollte mehr Licht sein, um sie genauer zu betrachten. Doch vielleicht ist gerade das blau-grüne Licht ein Schmeichler für Interesse. Dann gibt es zwei Wege, die nach unten führen in den Kellerbereich. Neben einer weiteren Bar gibt es dort eine kleine Tanzfläche und mehrere Gänge und einige kleine „Logen“, in denen man ausruhen vom Tanzen kann. Die Tanzfläche ist grandios: sie ist vielleicht gerade mal höchstens 20qm groß, es quetschen sich hunderte Leute drauf, es wird Bier und anderes verschüttet, man schwitzt und wird angerempelt – und keinen stört es. So liebe ich die Finnen! Ebenfalls witzig: es gibt keinen DJ!!! Die Musik wird von den Barkeepern aufgelegt – von CD. Grandios funktional!

Basti und ich wollten uns gegen drei vom Rest der Feiergemeinde (Lob an Karin, Eva und Lieuwe – ihr habt super durchgehalten) trennen und noch in einen anderen Club namens „Hercules“ gehen. Er war nicht weit entfernt – er hätte ruhig noch zwei drei Blocks weiter weg sein können, weil es mir unheimlich Spaß machte durch eine nächtliche Stadt mit vollen Straßen zu laufen – voll mit jungen, lachenden, betrunkenen Menschen!!! Am Hercules angekommen wollten wir mit Vorfreude aufs Tanzen in den Club, doch der Türsteher ließ uns die letzten zwei Stufen der Treppe gar nicht nehmen. Er bremste uns schon vorher aus: „no entry more“. Wir schauten ihn mit drei Fragezeichen im Gesicht an, Basti fragte nach, was los ist. Der Türsteher sagte trocken, aber bestimmt: kein Zutritt mehr, wir schließen. Während er die bösen Worte aussprach kamen zwei Jungs mit Jacken unterm Arm raus und wir konnten einen Blick auf die Garderobe im Inneren werfen, wie weitere Herrschaften ihre Mäntel und Jacken in Empfang nahmen und gehen wollten. Basti versuchte mit allem Charme den Türsteher zu überreden, doch es war nichts zu machen. Das gibt einen dicken Minuspunkt für die Szene in Helsinki: frühes Partyende. Was solls. Immerhin gibt es Party.

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