Verschwunden – aufgrund von selbstzerstörerischen Konflikt in der Persönlichkeit

Eigentlich steckt in der Überschrift alles, was es zu sagen gibt. Aber weil mir schreiben dabei hilft, klare Gedanken zu fassen – und bei diesem Thema bin ich mir noch keines Falls ganz klar geworden – muss der Rest nun hier auch noch geschrieben werden.

Eigentlich hat alles mit ner Angst (zu verschwinden) und nem Konflikt (soziale oder egozentrische Ziele im Leben) zu tun. Dabei geht die Angst eigentlich aus dem Konflikt hervor und könnte beseitigt werden, wenn der Konflikt beseitigt werden könnte, doch dazu seh ich mich noch nicht im Stande. Was – auf der Meta-Ebene gesprochen – einen weiteren Konflikt auftreten lässt: Konfliktbewältigung. Warum kann ich den Konflikt (soziale oder egozentrische Lebensziele) nicht beseitigen? Steigen wir etwas weiter vorne ein…

Jeder sucht im Leben nach Wegen (Bild: flickr/andrew_j_w)

Jeder sucht im Leben nach Wegen (Bild: flickr/andrew_j_w)

Nachdem mir erklärt wurde, dass Veuve und Bourbon keine Lebensziele seien (ich zweifel an der Aussage noch etwas, aber was solls…), schien ich ziellos zu sein. Ein Freund sagte mir, dem wäre nicht so. Er sagte, meine Ziele seien halt nicht sozialer Natur: Karriere machen, drei Wohnungen in verschiedenen Städten, das Strandhaus, der Flügel, die freistehende Badewanne, die Freiheit, der Veuve (ohne gehts halt doch nicht), die Schuhe, das Studio, das Restaurant, der Pool, der Lesesaal und so weiter… Demnach war mir also klar, was ich wollte: wo ich wohne, wo ich lebe, wie ich arbeite, was ich leiste, was ich verdiene, was ich besitze, was ich mache, wo ich hin will. Aufmerksame Leser werden bemerkt haben, dass in all diesen Zielen nur eine Person vorkommt: ich. Gut, sind ja auch meine Ziele. Aber schaue ich mir die Ziele von Timur beispielsweise an (Familie, Kinder, Doppelhaushälfte, die andere auch, Hund, Van, Kleingartenpartzelle, …), dann merke ich, dass er da nicht allein ist, sondern Menschen um sich hat. Timur „arbeitet“ in einem gewissen Sinne schon seit Jahren darauf hin: soziale Netzwerke wie Freunde und Kollegen, neue Bekanntschaften, die intensive Suche nach einem Lebenspartner, Zukunftsideen, etc. In meiner Zielvorstellung ist sowas nie beinhaltet gewesen.

Das ist mir auch nie aufgefallen oder als Problem bewusst geworden (selbst jetzt würde ich es nicht zwingend als Problem ansehen), aber gerade wird es mir arg bewusst gemacht und beschäftigt mich einfach zu sehr, als es einfach mit Martini und Sprite zu ersäufen. Wenn ich irgendwo lebe, in einer Stadt, einer Metropole oder einem Land, dann arbeite, hause, lebe und genieße ich dort. Wenn ich woanders hingehe, dann ist das gut, weil ich dann die Zelte in der einen Stadt abreißen kann und weiterziehen kann. So funktionierte das bislang bei Nürnberg (Grüße an Andi), so funktionierte das in Dresden (Grüße an Eric), so funktionierte das in Würzburg (Grüße an Hannes – oh, den kenn ich sogar noch…) und so weiter. Es ist daraus bislang nie ein Konflikt entstanden, weil ich wusste, ich kehre dahin nie wieder zurück.

Netzwerke zu schaffen passiert einfach so? (Bild: flickr/nerovivo)

Netzwerke zu schaffen passiert einfach so? (Bild: flickr/nerovivo)

Mit Dortmund bin ich – so fühlt es sich zumindest an – noch nicht fertig. Dort habe ich soziale Strukturen bis nach Düsseldorf und Köln aufgebaut. Dort gibt es immer noch Dinge, die ich erleben will (auf Müllhalden klettern, zum Karneval mit der Straßenbahn von Ratingen in die Düsseldorfer Innenstadt humpeln, die Pressestelle des Aalto-Theater Essens übernehmen, …). Demnach kann ich darunter noch keinen Schlussstrich ziehen – schließlich weiß ich, dass ich wieder zurückkehren werde, um mein Studium dort abzuschließen. Der Ausflug nach Finnland macht mir jetzt aber eines bewusst: aus einer Stadt zu verschwinden, ist leichter als gedacht. Und aus der Stadt zu verschwinden bedeutet hier weniger in den Flieger zu steigen und weg zu sein als viel mehr aus den Köpfen der Menschen zu verschwinden. In der Metropole Ruhrgebiet habe ich fantastische Menschen kennen gelernt, die mir mehr gebracht haben, als ich je gedacht hätte. Ich musst in Dortmund erst mal lernen, Menschen als soziale Punkte an mich heranzulassen. Dies kostete mich viel Energie, weil ich mir zum ersten Mal im Leben bewusst gemacht habe, dass ich hier vielleicht länger als anderthalb oder zwei Jahre bleiben will. Also ließ ich es zu, soziale Strukturen aufzubauen. Das war für die Zeit dort auch grandios.

Doch ich habe mir keine Gedanken gemacht, wie das danach ist, wenn man weg ist. Nun machen wir uns alle nichts vor und uns ist bewusst, dass auch die Leute, die jetzt noch dort wohnen, wegziehen oder gehen werden. Vielleicht nicht alle, aber einige sicher. Da bin ich mir sicher, jetzt schon. Und das es nicht mehr so lange dauern wird, kann man an einer Hand abzählen: das Studium geht zu Ende, Familienpläne werden geschmiedet, man orientiert sich neu, Angebote aus der ganzen Welt locken in die Ferne.

Aber genau an diesem Punkt setzt meine Angst ein: ich will noch nicht aus der Stadt verschwinden – ich will auch nicht, dass irgendwer anders gerade verschwindet.  Gerade passt alles genauso, wie es ist. Ich wünscht, es würde so bleiben.

Wo willst du hin? (Bild: flickr/jimynu)

Wo willst du hin? (Bild: flickr/jimynu)

Doch Veränderungen passieren immer und überall. Wie schon gesagt hats mir nie Probleme bereitet, doch weil ich jetzt vor die Entscheidung (freilich unfreiwillig) gestellt werde, soziale Netzwerke zu pflegen und zu retten oder einfach weiterzuziehen, steh ich im Konflikt und komme nicht weiter. Menschen waren mir bei meiner Lebensplanung nie an erster Stelle wichtig, weil ich immer dachte, dass ich überall und zu jeder Zeit tolle Menschen treffe. Falsch lag ich mit dieser Annahme nicht, aber das war nur die Hälfte, die ich bedacht hatte: ich hatte nicht daran gedacht, was ich mit den Menschen mache, die so grandios und fantastisch (Timur, Katalin, Ulli, Kristina, Hannes, Basti, Katja, …) sind – was passiert, wenn sie gehen und ich bleibe… oder ich wieder gehe. Ich kenne und liebe sie so sehr, dass ich nicht einfach einen Schlussstrich darunter ziehen will und fertig ist die Geschichte. Doch genau dieses „soziale Gedöns“ passt nicht in meinen Lebensentwurf mit Freiheit, Ungebundenheit und Spontantität. Lösungsvorschlag: ändere deine Ziele. Ok, wär kein Thema, wenn sich beide nicht so gegensätzlich widersprechen würden. Wenn ich soziale Kontakte wie in Dortmund behalten möchte, müsste ich die Freiheit aufgeben, mein Leben ohne jede Einschränkung zu führen. Allerdings will ich das nicht – und desweiteren schützt es mich auch nicht davor, dass andere Menschen die Stadt verlassen und verschwinden.

Bei all den Gedanken komm ich mir schon blöd wie ein Lama vor (Bild: flickr/law_keven)

Bei all den Gedanken komm ich mir schon blöd wie ein Lama vor (Bild: flickr/law_keven)

Ein Freund warf mir vor, dass dies „pupertär“ sei. Dieser Meinung bin ich absolut nicht. Ich glaube, dass man diesem Konflikt sein lebenlang begegnet und sich immer neu entscheiden muss. Außerdem kommt immer wieder auch die Frage hinzu: „Wer bist du?“ und „Willst du das sein?“. Das mag einem das erste und heftigste mal in der Pupertät begegnen, doch nur weil man es da mal hinter sich gebracht hat, heißt es nicht, dass es dann nie wieder auftaucht.

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2 Antworten zu Verschwunden – aufgrund von selbstzerstörerischen Konflikt in der Persönlichkeit

  1. Andreas schreibt:

    Bin ganz deiner meinung was den letzten abschnitt angeht, dit hat absolut nüscht mit pubertät zu tun, man trifft sein ganzen leben lang auf solche und andere entscheidungen welche wirklich nichts mit einem bestimmten lebensabschnitt zu tun haben, das leben, man selbst und somit auch die ziele und wünsche verändern sich ständig!!

    Ich verstehe warum dich das so sehr beschäftigt, finde es aber völlig ok das man, vor allem in jungen jahren, mehr auf sich fixiert ist und sein eigenes leben auf die reihe kriegen möchte. Soziale kontakte und somit auch ein soziales leben kommen und gehen, vor allem muss man bedenken dass zu einer solchen beziehung (netzwerk) immer 2 bzw. mehrere gehören und das kann nur funktionieren wenn sich alle die gleiche oder ähnliche mühe geben und zum gelingen beitragen.
    Das leben ist ein ständiger wandel und das wird es immer bleiben, man wird mit dem alter nur etwas weniger schnell, so ist zumindest meine theorie. Somit haben soziale beziehungen und kontakte mehr zeit zu reifen und zu wachsen und werden fester.

    Ich persönlich finde das die interessantesten menschen denen ich begegnet bin die menschen waren die nie wirklich ankommen und ihr leben lang relativ flatterhaft leben. Aber auch diese freunde haben soziale Polarsterne auf die sie sich verlassen können und die sich nicht ändern. Man hat halt eben nur nicht täglich kontakt da die kommunktionswege etwas weiter sind. Aber gerade heute ist gerade das problem des „kontakt haltens“ ein leichtes geworden.
    Also ich finde ein eher ich-bezogenes leben und gute soziale kontakte sind keine gegensätzlichkeit, es gehört nur ein wenig mehr disziplin dazu und dann kann alles funktionieren!! Entspannen, zurücklehnen und leben einfach passieren lassen!!

    Ps. Die menschen die mit 20 – 25 ihren „seelenverwandten“ getroffen haben ticken für mich nicht ganz richtig!! Die können das nicht beurteilen da sie bis dahin meist noch nicht wirklich viel gelebt haben, das ist auch der grund weshalb so viele unserer eltern geschieden sind, die haben oft ziemlich jung geheiratet, weil sie’s von den eltern so vorgelebt bekam, doch die gegenseitige abhängigkeit wie bei unseren großeltern fehlte und dann haben sie sich im laufer der jahre so sehr auseinander entwickelt bis es nicht mehr ging. Was weniger häufig passiert wenn man sein leben erst ein wenig lebt und mit mehr erfahrung und noch mehr zu sich selbst gefunden in eine partnerschaft oder ehe geht. Ich kann beides persönlich beurteilen, mein bruder hat mit 18 geheiratet und meine eltern sind geschieden!! 😉

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