Russland – Teil VIII: der zweite Tag in Moskau

Leider ist der zweite Tag in Moskau auch gleichzeitig der letzte Tag in Russland gewesen. Aber dafür war er einer der schönsten Tage dieses Tripps – und vielleicht sogar einer der schönsten Tag seit Beginn des Jahres. Ihr werdet gleich erfahren, warum.

Parlaments-Palast im Kreml mit Soldatenschüler im Vordergrund

Parlaments-Palast im Kreml mit Soldatenschüler im Vordergrund

Wie auch die anderen Tage begann dieser Samstag recht früh, das Frühstück im Hotel war mega lecker, das auschecken war simpel und mit dem Bus ging es zum ersten und einzigen festen Programmpunkt heute: Führung durch den Kreml. Übersetzt: Wir sagen Putin und Medwedew Hallo. Unsere Führerinnen warteten schon am Eingang zum Kreml auf uns, weil wir etwas spät waren. Es war nicht zu viel Andrang an Besuchern, denn weil Samstag war sind die meisten wohl lieber ins nebenan gelegene GUM einkaufen gegangen. Aber für die Schüler der im Kreml befindlichen Militärschule war es ein ganz besonderer Tag: all ihre Familien und Geliebten kamen, um ihren Abschluss zu feiern. Es war aufregend, all diese jungen Soldaten in ihren schwarzen Sonntags-Uniformen (und das an einem Samstag!!!) zu sehen!

Soldat mit Familie unweit der Zarenkanone

Soldat mit Familie unweit der Zarenkanone

Unsere Führerin sagte uns recht eindringlich bereits am Anfang, dass wir nur auf dem Bürgersteig gehen sollten und nicht auf die Straße treten sollten. Bereits in den ersten fünf Minuten im Kreml wurde uns demonstriert, warum sie es so deutlich sagte. Einer der frisch ausgezeichneten Soldaten der Russischen Förderation wollte kurz zwei Schritte auf die Straße treten, schon kam der staatlich geprüfte und langjährig zur Elite geförderte Straße-nicht-betreten-Trillerpfeifen-Angestellte (diesen Beruf gibt es da wirklich!!!) mit schrillen Pfiffen an. Nicht dass er dem Soldaten nur mit heftigen Armbewegungen deutlich machte, er sollte sich von der Straße scheren – nein, zur Feier des Tages hielt er ihm vor seiner gesamten Familie noch eine Predigt. Der frisch gekürte Soldat tat mir so leid, aber er blieb tapfer und ließ sich die Demütigung nicht anmerken. Der Grund, warum niemand die Straße betreten soll, ist recht simpel und russisch: die Politiker treiben ihre Chauffeure dazu an, mit mehr als 100km/h über das Kopfsteinpflaster zu rauschen.

Nach diesem Ereignis betrat keiner von uns mehr die Straße – aus Angst, nach Sibirien geschickt zu werden. Wenig später gingen wir am Präsidentenpalast vorbei und kamen zu den zwei Symbolen der russischen Geschichte, die recht gut die russische Denkweise aufzeigen:

die Zarenkanone in Moskau

die Zarenkanone in Moskau

die Zarenglocke in Moskau

die Zarenglocke in Moskau

Warum sind diese beiden Symbole so anschaulich für die russische Seele? Nun, lasst es mich erklären: die Zarenkanone ist die größte, je gebaute Kanone (Feuerwaffe), die je gebaut wurde, aber nie zum Einsatz kam. Die Glocke – ihr könnt es euch beim Anblick des Bildes bestimmt schon denken – ist die größte, je gegossene Glocke, die jedoch nie geläutet wurde, weil sie zuvor kaputt ging. Beide Exponate sind Maxime in ihren Ausmaßen und Zielen, jedoch gleichzeitig völlig unbrauchbar. Wer Russland, oder auch nur Moskau und St. Petersburg besucht, wird viele Parallelen zwischen diesen beiden Objekten und der russischen Seele feststellen.

Danach brachte uns die Führerin zu einem Platz, der von vielen Kirchen umgeben war. Sie erklärte uns die vielen Namen und Bedeutungen der Kirchen: eine war für die höchsten Anlässe im Kirchenjahr, die andere für die adligen, eine für Hochzeiten, eine Gottesdienste bei Bodennebel und so weiter. Meiner Meinung nach wurde da viel zu viel hinein intrepretiert und der Bauherr hatte sich ein viel einfacheres Konzept zu Grunde gelegt. Die Anzahl der Kirchen (nämlich fünf) ist ein eindeutiger Beweis dafür:

Kirche für montags

Kirche für montags

Kirche für dienstags

Kirche für dienstags

Kirche für mittwochs

Kirche für mittwochs

Kirche für donnerstags

Kirche für donnerstags

Kirche für freitags

Kirche für freitags

Samstags und sonntags machen die Russen eh nichts außer einkaufen. Und wenn sie doch die in Kirche wollen, haben sie ja fünf zur Auswahl. Unsere Tour ging dann weiter an der Mauer entlang, die direkt am Fluß lag und einen wunderschönen Blick auf das verschneite Moskau offenbarte – wunderbar. Danach verließen wir die Machtzentrale des größten Staates der Welt – und fühlten uns wieder etwas freier – wenn das irgendwie geht in Moskau.

- ohne Worte -

- ohne Worte -

Nach der Kreml-Tour holten Maryia, Plamena und ich Saksia und Zoltan vom Roten Platz ab (dabei kostete mich Anruf-entgegennehmen 7 Euro!!!) und wärmten uns erst mal mit einem guten Kaffee im GUM auf. Wir hatten von Samstagmittag bis gegen halb zehn Uhr abends Zeit, uns in Moskau auszutoben. Also brauchten wir einen Plan. Der war auch recht schnell gefunden und einstimmig angenommen: „Mal schauen, was passiert – und wenn nicht, shoppen ist immer gut.“ Wir ließen uns nach dem guten Kaffee also erst mal durch das GUM treiben, an Boutiquen vorbei, schauten mal hier, mal da. Wir entdeckten auch ein süßes Restaurant, das wie eine Kantine gestaltet war – das Essen sah lecker aus und die Preise waren angenehmen. Wir wollten später wieder hier herkommen.

Shopping-Center hinterm National-Museum

Shopping-Center hinterm National-Museum

Weil das Wetter so wunderschön war, schlenderten wir über den Roten Platz, am Nationalmuseum vorbei und entdeckten schon das nächste Einkaufszentrum, es war einige Preisklassen unter dem des GUMs und wir beschlossen, hineinzugehen. Neben den üblichen bekannten Läden wie H&M, ZARA, New Yorker und Co. gab es viele russische Marken, die uns nichts sagten und um so interessanter waren. Nach ungefähr drei Stunden auf drei ausgedehnten Etagen Shopping-Center, drei neuen T-Shirts, einer neuen Jacke – naja, zwei neuen Jacken (aber nicht für mich), meldete sich unser Appetit und wir beschlossen zurück in das kleine Kantinen-Restaurant im GUM zu gehen.

Wir stiefelten also wieder einmal über den Roten Platz und waren schon fast im GUM, als wir plötzlich von drei Männern mit „Sorry… sorry…!“ von hinten angesprochen wurden. Sie sahen nicht wirklich russisch aus (wohl eher italienisch oder portugiesisch, bin mir aber nicht sicher) und sprachen mich auf englisch an: Können wir ein Bild mit dir haben? Ich war verdutzt und lehnte freundlich ab, doch sie baten mich erneut. Ich überlegte mir, was sie vorhaben könnten. Ich sah recht normal aus: trug an diesem Tag rote Hosen, graue Schuhe, einen schwarzen Mantel, der offen war, dazu einen ewig langen Woll-Schal, eine blaue Brille und einen weißen Stoffbeutel, auf dem ein altes Radio aufgedruckt war. Ich fragte die Jungs, wofür sie das Bild haben wollten und sie sagten, zum Spaß. Maryia sagte, los machs! und ich ließ mich überreden. Zwei der Jungs stellen sich links von mir, der dritte machte das Bild. Dann trennten sich unsere Wege wieder. Mir schossen noch 1000 Gedanken durch den Kopf, welche komische Sachen sie jetzt wohl damit machen werden, ich prüfte auch meine Sachen, ob mir irgendwas fehlte – doch nichts passierte: es ist kein Bild im Internet aufgetaucht, es fehlte mir nichts aus meiner Tasche – vielleicht waren es wirklich nur Touristen, die ein Bild haben wollten. Wir lachten uns dann noch kaputt darüber, wie prominent wir jetzt doch wären… Dann betraten wir das GUM und hatten ein leckeres Essen.

ein Rätsel für mich

ein Rätsel für mich

Eigentlich wollte ich im GUM auch kurz auf Toilette gehen (ich weiß, es kommt jetzt wieder mal zu Banalitäten, aber die hier muss einfach sein), doch das ließ ich dann, als ich die Toilette sah. Ich ging in die Kabine, wunderte mich einen Moment, dachte mir dann: komm schon, andere Länder – andere Sitten – doch ich hatte keine Ahnung, wie man sich hier anstellen sollte, machte ein Foto und verließ die Örtlichkeit wieder, in der Hoffnung, später eine von europäischen Standard geprägte Toilette ausfinding zu machen. Und falls es wen interessiert: es gibt „normale“ Toiletten in Russland.

Nach dem leckeren Essen im Kantinen-Restaurant machten wir uns noch auf die Suche nach Briefmarken. Wir fanden auch das Telegraphen-Haus, in dem sich angeblich die Hauptpost befinden sollte. In der riesigen Halle befanden sich etwa 17 Schalter, die durch Scheiben und Gitter vom Gastraum getrennt waren. Jedoch waren nur zwei Schalter besetzt – und zwar mit schwer beschäftigten Postangestellten (weiblich). Die eine sortierte Bilder von der letzten Familienfeier in ihr digitales Album und die andere spielte Solitaire. Wir trauten uns, die Solitaire-Spielerin anzusprechen und nach Briefmarken zu fragen. Zunächst reagierte sie nicht auf unsere ersten vier „Guten Tags“ (natürlich auf russisch), eine direkte Frage beantwortete sie mit einem starren Blick. Auf das Wort „posti marki“ sagte sie schnell etwas auf russisch. Plamena verstand nur, dass es Briefmarken erst wieder am Montag ab acht Uhr zu kaufen gebe. Wir schauten uns verdutzt an und dachten alle im selbten Moment: Willkommen in Russland. Was solls.

Skol! auf Russland

Skol! auf Russland

Der Abschluss diesen wundervollen Tages sollte mit einem typisch russischen Tee begossen werden. Doch leider fanden wir keinen passenden (unserer Preisklasse entsprechenden) Laden und gingen in ein Kaffee im Shopping-Center. Dort gab es glücklicher Weise Tee-Cocktails, was uns sehr erfreute. Wir genossen ihn und konnten dann gemütlich zum Treffpunkt schlendern. Der war wundervoll entspannend und witzig – dank der liebevollen Menschen, die mit unterwegs waren.

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