Ein leeres Land… für Schwule

Was hab ich auch anderes erwartet? Es ist eine mittlere Kleinstadt (120.000 Einwohner), es liegt mitten in Finnland, es liegt in Finnland – es war wohl doch abzusehen. Es geht um Jyväskylä. Und die schwule Szene – bzw. die schwule Szene, die es nicht gibt. In den letzten Tagen habe ich mich mit einigen Schwulen hier aus der Stadt unterhalten – das Internet war eine sehr gute Hilfe um schnell ein Meinungsbild einzufangen. Gut ein Dutzend Leute fragte ich, wie man hier in der Stadt am schnellsten Schwule (oder LGBT-Angehörige) kennen lernt. Ich muss als Hintergrundwissen dazu schreiben:

thx to -Marlith- (flickr)

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es gibt hier keine Schwulen-Bar, keine Schwulen-Sauna, keinen Schwulen-Club etc. Es gibt einmal im Monat eine Party für „gay people“, die von Seta (www.seta.fi) organisiert wird. Seta ist ein Verein, der sich finnlandweit um die Rechte von Homosexuellen kümmert. Die Party findet meist im Studentengebäude statt – deswegen bin ich sehr skeptisch, ob diese Party was taugt und wirklich Leute anzieht. Eine andere Party von Seta war im Club Bra, es war witzig, ich lernte das DJ-Duo Wonderlust kennen – nur Schwule waren kaum da. Vielleicht so 20 oder 25?! Es gibt eine schwule Studentengruppe, die sich einmal wöchentlich trifft – naja, klingt mehr nach Selbsthilfe-Therapie-Gruppe als alles andere interessante. Und es gibt das Studentenkino, in dem alle vier bis sechs Wochen mal ein Film gezeigt wird, in dem es im weitesten Sinne (und sei es nur eine ferne Nebenrolle) ein Schwuler oder eine Lesbe auftritt. Um es kurz zu machen: in Sachen Schwulenszene ist Finnland etwa auf dem Level von Nordost-Mecklenburg-Vorpommern. (Die Ausnahme davon bildet freilich Helsinki, doch dazu später mehr.)

Zurück zur Frage, wie man hier Schwule kennenlernt, ohne auf das stupide Internet zurückzugreifen. „…“ lautete meist die Antwort. Und so war sie auch gemeint. Zwei der Befragten sagten mir, dass sie schwul sind, aber kaum mit Schwulen Umgang haben. Mit denen beiden muss ich ma im März ernsthafte Gespräche führen. Ein Student erzählte mir, dass er eigentlich aus Helsinki stammt, dort auch noch studiert, aber hier in Jyväskylä lebt. Ich fragte ihn, wie er die ganze Sache sieht und er sagte mir in etwa: Wenn du als Schwuler in Finnland aufwächst, wartest du bis du 18 Jahre alt bist und ziehst nach Helsinki um – dort leben fast alle finnischen Schwulen. Er ist weggezogen aus der Hauptstadt, weil es ihm zu viel wurde nach einigen Jahren. Das kann ich gut nachvollziehen – mich ödet Berlin auch an, weil es langweilig, fad, gleich und geschmacklos geworden ist. Sorry, aber wer das nicht merkt, läuft blind durch die Stadt. Andere Schwule erzählten mir ähnliche Geschichten: wer schwul ist, geht nach Helsinki – das ist keine Frage der Einstellung, sondern eine grundsätzliche Tatsache. Die wenigen, die in den anderen Städten bleiben, leben im Zöllibat (schreibt man das so?), gehen auf einige wenige geschmackvolle Parties, wo sie durch Zufall andere Schwule treffen – oder auch nicht, und was sonst so passiert ist ihnen scheinbar egal.

thx to homo erectus (flickr)

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Nach den ersten Gespräch wundert mich das wirklich, dass einige der Männer so eine absolute „Mir-doch-egal“-Haltung haben. Nun bin ich mir nicht sicher, ob es eine Reaktion ist, weil ich ihnen fremd bin, oder ob sie wirklich solch distanzierte Haltung haben. Das muss ich noch rausfinden. Ich würde es einigen Finnen auf jeden Fall zutrauen, zu solch absoluter Egalität zu neigen. Nun verlange ich ja nicht, dass Jyväskylä eine blühende Schwulenszene wie Köln oder Hamburg aufweisen soll – aber ich mein auch das kleine, verschlafene Würzburg im Frankenländle bekommt es auf die Reihe, jede Woche eine Schwulenparty zu organisieren – es gibt einige Cafés, die schwulenfreundlich und stadtbekannt sind – ebenso Kneipen. Würzburg hat sogar ne Schwulensauna – würd ich keinem empfehlen, hinzugehen, aber es gibt sie.

Das Jyväskylä in diesen Aspekten völlig blank ist, wundert mich jetzt doch ein wenig. Noch mehr erstaunt mich aber die Haltung der meisten Schwulen hier. Ich brauch nicht jeden Tag meine Tunten um mich, oder muss mit High Heels durch die Straßen laufen – …

thx to dr_tr (flickr)

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… würd ich nie tun, außer bei Marathon vielleicht – aber egal. Aber diese totale Egal-Haltung ist schon deprimierend und erschreckend in einem. Dass es aber schwule und lesbische Menschen in der Stadt gibt, seh ich jeden Tag in der Uni, im Stadtzentrum, auf wenigen Parties im Ruma und so weiter – es gibt sie also – nur nicht organisiert. Warum stelle ich mir dann die Frage nach Struktur und Organisation der schwulen Welt? Ist es deutsch, dass zu suchen? Haben Finnen erkannt, dass es wichtigeres gibt? Ausgeschlossen werden kann, dass Finnen homosexuelle Menschen diskrimieren. Das Land gilt in Sachen Gleichberechtigung von Homosexuellen als Musterbeispiel. Seit Jahren können sich Gleichgeschlechtliche Paar eintragen lassen und sie haben (mit Ausnahme von wirklich sehr wenigen) alle Rechte wie Ehepaare. Ich habe auch nicht wirklich etwas von einer Art „schwulen Revolution“ in Finnland bisland gehört. Ich glaube, dass ging hier alles recht reibungslos ab (ich werds noch nachprüfen!) – aber vielleicht ist das ein Grund, dass Strukturen und Organisationen deswegen so eine geringe Rolle spielen. Ihr seht: dieses Feld muss noch weiter bearbeitet werden. Ich halte euch auf dem laufenden.

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4 Antworten zu Ein leeres Land… für Schwule

  1. sheiliene schreibt:

    vielleicht brauchen die schwulen von jyväskylä keine subkultur, weil sie in der normalität angekommen sind? (ich entschuldige mich für den blöden ausdruck „in der normalität ankommen“ – ist nicht wertend gemeint, weißte, ne?) hat jyväskylä die zivilisation überholt – kommt es dort zur perfekten vermischung von heten und homos im nachtleben?

    • jute-tunte schreibt:

      ich mache mir gerade gedanken darüber, warum ich auf der suche nach dieser struktur bin – antwort: weil es viel leichter ist, andere schwule zu treffen und kennen zu lernen. deine idee, dass diese abwesenheit von vereinen, parties etc. für schwule eine art von ankommen in der realität ist, klingt interessant. aber es gibt doch auch parties für menschen über 30, für menschen, die auf rock stehen, für menschen, die gern draußen feiern, für menschen, die aus russland kommen, für menschen, die gern vodka trinken – du verstehst? ich glaube, dass schwulenparties und co nicht als schutzraum verstanden werden sollten – es sind einfach gemeinsame interessen, die leute zusammen bringen (by the way: gibts eigentlich feierein für sportler? ja, schon, oda?). jedenfalls: nein ich glaube nicht, dass es eine überwindung von einschränkungen ist oder eine ankunft in normalität der homos. vielleicht sind die bastarde einfach faul und schüchtern… =) aba danke für deine idee!

  2. anonymus schreibt:

    „es gibt hier keine Schwulen-Bar, keine Schwulen-Sauna, keinen Schwulen-Club etc. Es gibt einmal im Monat eine Party für „gay people“…

    Nicht mehr gibt es in vielen Gegenden Deutschlands für Lesben, muss ich mit Erschrecken feststellen. Als mir bekanntes Beispiel nenne ich eine niedersächsische Stadt mit doppelt so vielen Einwohnern wie Jyväskylä.
    Woran liegts? Vllt auch Faulheit, wie vom Vorposter vermutet…Flucht in „richtige“ Großstädte, anstatt selbst was auf die Beine zu stellen, whatever.
    Jedenfalls sieht es in D in weiten Teilen auch alles andere als rosig aus was schwul/lesbische Infrastruktur betrifft.

  3. Pingback: Es gibt eine schwule Szene in Finnland – und zwar in Helsinki | a guy in suomi

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