Feiern mit Fins – in Suomi

Autsch… Noch hab ich Kopfweh, einen faden Geschmack im Mund und ich glaube etwa vier meiner Organe brauchen noch zwei Tage, bis sie wieder vollständig funktionstüchtig sind. Aber das ist nur eine vage Prognose. Denn mein Gehirn ist eines dieser lädierten Organe.

Was ist also passiert? Eigentlich nicht viel: wir waren nur mit Finnen feiern.

Nun wär es gelogen zu sagen, ich würde eher selten und dezent feiern gehen oder bedächtig mit dem Alkoholkonsum umgehen können. Auf solch ein Niveau des Faktenverdrehens will ich gar nicht erst hinabsteigen. Aber was die Finnen hier anstellen, wenn sie ausgehen, habe ich – glaub ich – noch nie erlebt. Oder ich kann mich nicht erinnern. Jetzt aber zur Geschichte.

Wir trafen uns am frühen Abend bei Freunden eine Etage höher zum Essen und Trinken. Es gab „armen Ritter“ – auf holländisch. Bereits dort kristallisierte sich heraus, dass nur

Fahrradstapeln auf Finnisch

Fahrradstapeln auf Finnisch

wenige der Anwesenden mit in den Club „Ruma“ kommen wollen. Es war schade, weil es sagten Leute ab, die ich gern mitgenommen hätte: Linda, Lisa und Anais. Zum Glück sagte Kirtan nicht ab. Nach dem Essen holten wir unsere Räder aus der Garage und es bot sich an toller Anblick: Fahrradstapeln auf finnisch. Grandios. Janice, Arne, Kirtan und ich fuhren nach Ristonmaa um noch eine Freundin von Kirtan abzuholen: Sophie. Die Österreicher: Valentina, Chris und seine Bekannte Lene liefen zu Fuß in die Stadt. Wir beeilten uns mit dem Rad sehr, weil wir gern vor elf Uhr im Ruma sein wollten, um den Eintritt zu sparen. Doch wir erreichen den Club zwei Minuten zu spät und mussten drei Euro zahlen. Ok, ich gebs zu: für finnische Verhältnisse lächerlich. Der

Toilette ohne Tür

Toilette ohne Tür

Club überzeugte schnell, auch wenn er kurz nach elf Uhr noch leer war: eine alternative, pointierte und witzige Einrichtung, die teils an den Grenzen jeglichen Geschmacks kratzte. Doch das machte es interessant. Es war nicht so gern gesehen, um Club zu fotografieren, doch zwei Bilder möchte ich euch nicht vorenthalten. Auf dem Bild hier links ist zu erkennen, dass Finnland ein sehr offenes Land ist. So offen, dass  man keine Türen für die Toiletten-Kabinen besitzt. Der getrunkene Alkohol sorgte dafür, dass in meinem Kopf die Bedeutung „ein offenes Land“ einen sehr abstrakten neuen Sinn erhalten hat.  Zu beachten wäre bitte auch der Fußboden. Auf ihm wurden Leuchtkabel ausgelegt und dann eine Schicht Hartsilikon oder ähnliches drüber gegossen. So läuft man über den Boden mit allem möglichen Zeug, als ob man schwebt. Zurück zu den Türen: Damit man weiß, in welcher Toilette man ist, wurde es thematisch untergliedert. So ist auf der einzigen Tür

Damentoilette im Ruma

Damentoilette im Ruma

der Herrentoilette eine nur dezent und teilweise attraktive Frau als Poster aufgeklebt wurden, während in der Damen-Toilette (so zeigen es die Fotos, die eine Bekannte machte) (und noch was: hier gab es für jede Kabine eine Tür – zum Glück) nicht mehr ansprechende Bilder von betagten, behaarten Männern zu finden waren. Nun soll es das aber mit den Toiletten gewesen sein, es gab schließlich noch mehr im Club zu sehen und zu finden.

Der Eintrittsstempel, den man auf Arm oder wie ich auf die Wade bekam, war eine Kuh – wunderschön. Leider habe ich kein Bild mehr davon machen können, weil ich auf der Intensivstation gründlich gewaschen wurde. Nicht weit vom Eingangsbereich entfernt war eine Kabine eines Ski-Lifts aufgestellt, die scheinbar als Lounge funktionierte und rege benutzt wurde. In einem anderen Raum standen in der Mitte zwei riesige Tafeln, über denen bunt angemalte Toilettenschüsseln samt Spülkasten verkehrt herum von der Decke hingen und als Lampen dienten (ich ärgere mich, dass ich kein Bild davon gemacht habe). Auch die Raucherecke (ihr wisst: in Finnland ist Rauchen in Gebäuden strikt verboten) war ein Highlight: eine riesige Duschkabine (mit Duschkopf und vollständig gefließt). Rigide aber faszinierend war, wie die Sicherheitsleute darauf achteten, dass nur sieben Leute gleichzeitig in die Raucher-Duschkabine gingen – bei mehr Personen wäre ein Erstickungstod wohl unausweichlich gewesen. Über der Tanzfläche waren Bildschirme angebracht, auf denen Bild zu sehen waren, die den Toiletten-Postern in nichts nachstanden. Olé.

Doch genug von der Einrichtung, jetzt zu den Finnen selbst: alles, was ich je über die Feierei-Traditionen und -gebräuche über die Finnen gehört habe und für Klischees gehalten habe, stimmt! Wirklich! Ja, sie gehen erst gegen ein Uhr in den Club. Ja, sie stehen dann zwei Stunden an der Bar und geben Millionen Euro für Drinks und Shoots aus. Ja, sie bezahlen alles mit Karte. Ja, sie haben immer mindestens zwei Gläser in der Hand. Ja, wenn die Männer betrunken sind, fangen sie an zu tanzen und man denkt, sie haben

Herren-WC im Ruma

Herren-WC im Ruma

epileptische Anfälle. Ja, die Frauen flirten und knutschen drauf los, was nur geht. Ja, man wird komisch angeschaut, wenn man nur Wasser bestellt (was es in jedem Club im übrigen umsonst und mit Eis gibt). Ja, Finnen tragen lustige Sachen, wenn sie feiern gehen: es waren Jack Sparrow und seine Crew, die Ghostbusters, Rotkäppchen und noch einige andere Gestalten aus dem Fantasia-Land da. Ja, Finnen prügeln sich natürlich (Jack Sparrow musste eine Meuterei seiner Crew niederschlagen). Ja, wenn das Putzlicht am Morgen angeht, schaut jeder Finne schlimm aus (aber das ist in jeder Nation so). Ja, Finnen torkeln dann laut gröhlend durch die Straßen der Stadt und stellen kuriose Sachen an: vor dem Sokos war ein Flötenspieler (in der Nacht um halb fünf Uhr!!!!) und er spielte lauthals und einige Leute tanzten um ihn herum. Es waren mehr Leute im Stadtzentrum als zur besten Einkaufszeit am Samstag. Und ein letztes Ja: alle Finnen sind besoffen und keinen stört es.

Ich ging mit Arvi nach Hause (dazu gleich mehr in einem anderen Beitrag) und wir trafen seine Kolleginnen von H&M. Zwei hübsche junge Frauen – stockbesoffen, laut schreiend, kichernd und schillernd. Genau wie alle anderen – egal welches Geschlecht, egal welches Alter, egal welche Herkunft, egal welchen Status. Alle in einem Land, das ich in dieser Nacht lieben lernte.

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